...Es wurde Mitternacht, ehe er nach Hause fuhr. Zum Abschied drückte er mich heftig. Es war ein Anklammern. Und in seinen Augen standen Tränen.
Mario, du lieber Freund, ich habe Angst um dich.
Nur eine Woche später fand ich eine Karte im Kasten mit der wohlbekannten Schrift Regines. Ich vermutete Vorwürfe wegen Marios späten Heimkommens. Nichts dergleichen. Einige freundliche Worte und dann die Bitte, am Sonnabend zu ihnen zum Abendbrot zu kommen. Mir schwirrte der Kopf. Was hatte Regine vor? Etwas vorhaben musste sie, sonst würde sie nicht auf diese Idee kommen.
Voller Unruhe sah ich dem Samstag entgegen, denn abgesagt hatte ich natürlich nicht, zumal auch Marios Unterschrift neben Regines Namen stand.
Es roch brenzlig, als ich das Haus betrat; und hinter der Tür schallten Stimmen. Mario und Regine stritten sich. Was tun? Sie wussten, dass ich um diese Zeit eintreffen würde. Also ging ich hoch und klopfte kräftig an. Das Schimpfen brach ab. Nach einer kurzen Weile öffnete Mario und bat mich einzutreten. Überall standen die Fenster offen. Aus der Küche drangen Geräusche.
"Habt ihr euch gezankt? Ist das Essen angebrannt?" flüsterte ich ihm zu.
"Ja. Aber deswegen war der Streit nicht. Vorhin hatte irgendeine Type angerufen; hatte keinen Namen genannt, nur Regine verlangt. Ich fragte sie, wer es war. Sie lächelte und sagte, es solle eine Überraschung sein. Schöne Überraschung!" fügte er bitter an.
"Vielleicht ist's wirklich nichts weiter", gab ich zu bedenken.
"Vielleicht. Vielleicht. - Ach, lassen wir das. Willst du ein Bier? Und setz' dich. Fühle dich wie zu Hause. Wenn du es kannst."
"Danke. Ich gehe erst Regine begrüßen."
Ich reiche meiner Frau, meiner ehemaligen Frau die Hand. Ein komisches, unwirkliches Gefühl, das muss ich sagen. Ich hatte mich im Laufe der Zeit innerlich von ihr gelöst. Aber mit ihr waren auch die tiefsten meiner Gefühle verbunden gewesen. Ich liebte sie damals mit ganzer Kraft, und nach der Trennung empfand ich nicht nur Trauer. Manchmal schaffte sich der Hass breiten Raum, und mein Hirn suchte nach Möglichkeiten, ihr zu schaden. Diese Phase hatte ich inzwischen überwunden.
"Peter, schön, dass du gekommen bist. Du hast etwas gehört?"
"Es war laut genug."
"Mario ist sehr gereizt seit einigen Wochen. Ich gebe mir alle Mühe, aber... Wir leben nicht gemeinsam, verstehst du? Irgendwie ist eine Mauer da, eine Grenze des Nichtverstehenskönnens."
"Darüber wunderst du dich? Bei den Erfahrungen, die er mit dir gemacht hat? Auch weiß er, dass mir mit dir das Gleiche widerfahren ist.
Sie schwieg. Dann sagte sie leise: "Du kannst es nicht vergessen?"
"Vergessen? Nie!"
"Das sind keine guten Aussichten für mich, Peter. Soll ich ein Leben lang mit Schuldgefühlen zubringen?"
"Nimm es mir nicht übel. Aber lebenslange Schuldgefühle traue ich dir nicht zu. Selbst wenn - du hättest es dir vorher überlegen müssen. Nicht einmal gelernt hast du daraus. Du weißt genau, wie sensibel Mario ist!"
"Deine Worte klingen wenig versöhnlich, Peter."
"Ich spreche nur von den Tatsachen, Regine."
Sie schloss währenddessen die Fenster, nahm ein Tablett und stellte das Geschirr darauf. Sie drückte es mir in die Hand mit der Bitte, es ins Wohnzimmer zu bringen.
"Augenblick Regine. Darf ich dich etwas fragen?"
Erstaunt schaute sie mich an. Sie hob die Hand. "Bitte."
"Was hast du für eine Überraschung für Mario?"
"Oh, er hat es die schon gesagt?" Ihre Augen verfinsterten sich. Mit Ärger in der Stimme fuhr sie fort. "Das war ja der Grund des Streites. Er glaubt mir nicht. Ich hatte über Silvester einen wunderschönen Ferienplatz im Gebirge in Aussicht. Ein Freund von mir hatte sich darum gekümmert, und heute bekam ich die Zusage. Leider war Mario zuerst am Telefon und machte anschließend ein Riesenfass auf, weil Fred seinen Namen nicht genannt hatte. Ich hatte mich so gefreut, dass es klappte mit dem Platz. Nächste Woche ist doch Nikolaustag, da wollte ich ihm den Urlaubsscheck in den Schuh stecken. Ich habe mich so darauf gefreut! Und Mario macht so ein Theater!"
"Regine, überleg' mal, weshalb." Ich nahm das Tablett. Im Wohnzimmer saß Mario schon am Tisch und hatte Bier ausgeschenkt.
"Du deckst den Tisch?" Er grinste schief.
"Ja. - Und jetzt trinken wir erst mal etwas. Sitzt du schon lange?"
"Ich wollte euch reden lassen. Was hat... ah, Regine kommt mit dem Essen."
Trotz des Anbrennens ließ sich ein gewisser Wohlgeschmack feststellen. Ich fragte mich, wie sie das geschafft hat. Mit ihren Kochkünsten war es nie weit her. Vielleicht hat sie seither einiges dazugelernt, wäre ja durchaus möglich.
Nach dem Essen saßen wir bei Wein und plauderten. Ein tiefes Gespräch kam nicht zustande. Etwas schwebte in der Luft, das hemmend wirkte. Zwischen Regine und Mario entwickelte sich keinerlei Harmonie. Jeder sprach für sich und von sich. Vor allem kam von meinem Freund so manch bissige Bemerkung, die bisweilen an Gehässigkeit grenzte. War ich mit ihm allein, fühlte ich mich wohl. Mit Regine allein konnte man wenigstens gescheit sprechen. Aber zu dritt...
Ich drehte mein Weinglas im Licht der kleinen Tischlampe, betrachtete den kunstvollen Schliff und dachte nach. Der Verbindung zwischen beiden gab ich keine Chance. Mario hatte jegliches Vertrauen zu Regine verloren, statt dessen beherrschten ihn Misstrauen und - berechtigte - Eifersucht. Mario war hochsensibel, und ich fürchtete um ihn, wenn einmal die Verbindung endgültig zerbricht.
"Peter, du bist so nachdenklich."
"Ja. Ich denke über euch nach, Regine.
Sie wurde blass und nestelte plötzlich an der Tischdecke, schob Weinglas und Flasche in die richtige Stellung.
Mario machte große Augen. In ihnen glitzerte Angst. Angst vor einer Auseinandersetzung, Angst vielleicht vor sich selbst. 'Halt den Mund!' schrieen mir diese Augen entgegen.
Ich sagte: "Wenn ihr nicht bald einen Weg der Versöhnung findet und euch mit ganzem Herzen vergebt, werdet ihr nicht zusammenbleiben."
Regine fasste sich inzwischen und meinte sehr zuversichtlich: "Das schaffen wir schon, stimmt's Mario?" und wollte ihn umarmen. Er schob sie weg, unwillig schüttelte er den Kopf. Dann trank er mit einem Zug das Glas leer.
Es breitete sich eine quälende Stille aus.
Wir nippten nacheinander an den Gläsern. Wir schenkten nach. Wir aßen Salzgebäck. Wir schwiegen. Wir froren.
Mario stand auf, ging auf und ab.
Regine schaute an mir vorbei ins Leere.
Ich kratzte mir die Narbe am Knie, die ich einem Sturz mit dem Fahrrad verdankte, und die plötzlich zu jucken anfing.
"Ich gebe mir doch Mühe", flüsterte Regine. "Ich habe ihn doch lieb. Ich habe das alles längst bereut. Ich möchte... ich..." Sie weinte. "Mario, warum sagst du nichts?"