Seine Augen mustern Eva. Sie fährt konzentriert. Und spricht von Kinderbüchern. Aber er kann nicht recht zuhören. Seine Hände streicheln ihr langes Haar. Vorhin hat sie den Knoten gelöst für ihn. Sie weiß, wie sehr Sebastian ihre langen blonden Haare mag. Und wieder zieht der Sekundenzeiger den Großen um eine Raste mit. Acht Minuten noch; aber dort vorn ist die Autobahnabfahrt.
"Eva, glaubst du im Ernst, wir sind in acht Minuten am Bahnhof?"
"Es ist nicht weit", sagt sie. Aber von Kinderbüchern spricht sie nicht mehr.
"Gott sei Dank, die Ampeln grün!" stellt sie erleichtert fest und tritt das Gaspedal. Schwungvoll hält sie vor dem S Haupteingang. Den Gurt hat Sebastian längst gelöst, hat den Finger am Türöffner. Im letzten Rollen drückt er ihr einen kurzen heftigen Kuss auf die Lippen. Dann raus, Kofferklappe auf. Er reißt die Taschen hoch und rennt. Eva ruft hinterher: "Ich parke das Auto und komme nach."
Verständnislos hält er inne. "Was?! Ah ja." Und hastet die Stufen hoch und in die Halle hinein. Die Anzeige! Der grüne Punkt blinkt bei seinem Zug. Schnell die Bahnhofsuhr: 16.10 Uhr! Ihm stockt das Herz. Er rennt, die Taschen sind schwer, erst die Stufen in den Tunnel hinab, dann hinauf zu Bahnsteig. Keuchend langt er oben an und sieht eine Kette von Menschen an seiner Bahnsteigkante stehen.
Die Lautsprecher knistern kurz und dann die Ansage: "Der Zug von Budapest nach Brüssel hat fünf Minuten Verspätung. Wir bitten um Ihr Verständnis."
Soviel Glück will er nicht fassen. Die Taschen fallen aus den Händen, und er atmet tief. Dann geht er ein kurzes Stück vor. Nur soweit, dass ihn Eva sofort sehen kann. Und sie kommt auch schon. Sie strahlt über das ganze Gesicht und lacht und fällt ihm um den Hals. Sebastian hält sie ganz fest. Er flüstert ihr leise ins Ohr: "Der Zug hat fünf Minuten Verspätung."
"Also, doch noch ein herzerreißender Abschied."
Sie seufzt zärtlich, als er seine Hände in ihre Haare vergräbt und liebevoll ihren Mund küsst. Der Lautsprecher reißt sie auseinander. "Verehrte Fahrgäste, der angekündigte Zug fährt auf Gleis 5 ein. Wir bitten Sie um Vorsicht bei der Einfahrt."
Die Lok taucht auf. Fünf Waggons gleiten an ihnen vorbei, dann hält der Zug. Und Sebastian steht goldrichtig. Er küsst Eva ein letztes Mal. Und ganz im Gegensatz zu den anderen Abschiednehmenden lachen sie sich zu und strahlen und sind glücklich. Es sind wundervolle Tage gewesen. Und den Zug haben sie doch noch geschafft!
"Wir haben die Zeit bis zur letzten Sekunde genutzt", ruft sie ihm nach und lacht. "Hast du etwas von den Kinderbüchern behalten?"
Er lacht zurück und zuckt mit den Achseln. Der Zug hat nur wenige Fahrgäste. Sebastian findet gleich im ersten Abteil bei einem älteren Ehepaar Platz. Die Taschen nach oben und wieder an die Tür. Eva sieht glücklich aus.
"Es ging um einen kleinen Bären und einen Tiger", ruft er ihr zu.
"Und weiter?"
"Weiter, Eva? Die letzten Minuten war ich nicht mehr bei der Sache."
Ihre Antwort geht im automatischen Schließen der Tür unter. Sie wirft ihm Kusshände zu. Er rennt in den Gang, presst die Lippen gegen die Scheibe. Der Zug ruckt an. Sie läuft einige Schritte mit und winkt.
Sie ist weg.
Die Waggons schaukeln über die vielen Weichen des Bahnhofes, und bald gewinnt der Zug die freie Strecke. Sebastian setzt sich zu den beiden alten Leutchen. "Na, Abschied genommen?", fragt der alte Herr.
Sebastian nickt. Und aufgekratzt erzählt er kurz die abenteuerliche Herfahrt. Die Freude über den erreichten Zug überwiegt noch.
...
Die folgenden Texte sind vom Autor ausgewählte Leseproben.
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Leseprobe aus "Du bist mein Ein und Alles"
