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Die folgenden Texte sind vom Autor ausgewählte Leseproben.

2041

 

Leseprobe aus "Lyrik und Prosa"

 

„... Ursprünglich sollte das Baugebiet bis an den Waldrand erweitert werden, dann jedoch brach eine ungeheure Rezession über Europa herein. Das Geld verlor rasend an Wert. Die Energiepreise dagegen explodierten auf Grund der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Binnen weniger Monate mußten allein in Hessen dutzende Fabriken schließen. Das Heer der Arbeitslosen und Verarmten schwoll an. Im Gegenzug schrumpften die Steuereinnahmen von Städten und Dörfern gefährlich. Auch deshalb blieben die meisten der geplanten Neubauten in der Siedlung aus. Mit einer letzten Kraftanstrengung schloß die Gemeinde den Straßenbau dort oben mit dem erwähnten Wendehammer ab. Das war vor knapp dreißig Jahren.

Jetzt schreibt man das Jahr 2041.
Die beiden letzten Häuser am Ende dieser Straße „Am Hain“ sind nie völlig fertig gestellt worden. Sie sind recht groß, werden jetzt aber jeweils nur von einem alten Mann bewohnt. Auf der rechten Seite ist es Peter Kraft, gegenüber haust Johannes Richter. Die beiden Alten verbringen viel Zeit miteinander, weil die Einsamkeit sonst nicht zu ertragen wäre.
Es ist fast Mittag, als sich Kraft in der offenen Haustür zeigt. Er ist hochgewachsen und geht leicht gekrümmt. Die viel zu weiten Hosen werden durch Träger gehalten. Der Oberkörper steckt in einem betagten Hemd, dessen lange Ärmel Kraft bis nach oben umgekrempelt hat. Mit gerunzelter Stirn blickt er erst zur Sonne, dann zum Nachbarhaus. Langsam setzt er sich in Bewegung und macht als erstes den alltäglichen Kontrollgang über sein Anwesen. Das Hauptinteresse gilt derzeit dem Brunnen, den er vor Jahren mit Hilfe der Nachbarn gegraben hat. Es erfreut ihn jedes Mal auf 's Neue, wenn er den matten Schimmer des Wassers sieht. Dem Wünschelrutengänger ist damals einen Volltreffer gelungen. Nach der Inspektion der Beete, die ihm nur ein resigniertes Achselzucken abringt, wendet er den Schritt und geht über die Straße.
Die Klingel bei Richter funktioniert so selten, wie der Strom angestellt ist. Deshalb hat er sich vor vielen Jahren einen mechanischen Klopfer gebastelt. Jedoch wird der kaum genutzt. Richter läßt die Tür angelehnt, denn wenn jemand zu ihm kommt, ist es meistens nur sein alter Nachbar und Freund Peter Kraft.
Kraft schiebt die Tür auf, tritt ins Haus und geht zielstrebig in die Küche, von der ein verführerischer Duft herüber zieht.
„Morgen!“ sagt er, als er des Freundes am Kohleherd ansichtig wird.
„Morgen ist gut“, knurrt Richter, der mit freiem Oberkörper und ohne sich um zuwenden am Herd werkelt. Er steht schief seit dem schweren Sturz, bei dem er sich vor vier Jahren das Bein gebrochen hat. Die Männer haben sich damals selbst behelfen müssen, denn der nächste Arzt sitzt in Marburg. Die Fahrt dorthin mit dem Pferdefuhrwerk hätte fünf Stunden gedauert. Zu lange. Trotz des Einschienens durch Kraft ist das Bein schlecht zusammengewachsen. Seither humpelt Richter.
„Johannes, du hast ja Fleisch!“ staunt Kraft.
„Wärste gestern mal gekommen, da war 's noch ganz frisch.“

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Leseprobe aus "Lyrik und Prosa"

 

...

Meine Eltern besaßen fast dreißig Jahre eine Robur-Vertragswerkstatt ganz im Südosten der DDR. Der Robur war ein kleiner Laster von 1,8t bis 3,0t Nutzlast. Es gab jede Menge unterschiedlicher Aufbauten von Feuerwehrdrehleiter bis zum Übertragungswagen für Rundfunk und Fernsehen. Der Robur schloß die Lücke zwischen dem Barkas und dem großen W50/L60.

Ich wuchs in der DDR also in einem Unternehmerhaushalt auf und erlebte so frühzeitig die Probleme, die sich damit verbanden, hautnah. Kritik am Politik- und Wirtschaftssystem war allgegenwärtig, und der Vater hielt mit seiner Meinung nicht hinter den Berg. Oft bekamen wir beiden Brüder den Spruch der Mutter zu hören: „Was hier bei uns zu Hause besprochen wird, bleibt auch hier!“

Meine Erziehung war von Anfang aus darauf gerichtet, die Werkstatt später einmal zu übernehmen. Berufswahl fand für mich nicht statt, es war klar, daß ich Autoschlosser – so hieß das damals noch – zu lernen hatte. Im Jahr 1978 war es soweit, ich schloß die POS nach zehn Jahren ab und begann die Lehre im elterlichen Betrieb.

Die ständige kritische Auseinandersetzung meiner Eltern mit den gesellschaftlichen  Zuständen in der DDR prägten mich und schärften mir den Blick.

Nach der Konfirmation 1976 wurde ich Mitglied in der Jungen Gemeinde. Ich fühlte mich in diesem Kreis außerordentlich wohl und engagierte mich sehr frühzeitig. In den christlichen Gemeinschaften wurde die Gesellschaft der DDR ebenfalls kritisch und offen diskutiert, aber auf andere, weniger materialistische Weise als im Elternhaus.

Über die Jahre aber machte ich für mich die Erfahrung, trotz allen Bemühens nichts ändern, nichts bewegen zu können. Die alten Betonköpfe in der Regierung wehrten sich gegen jedwede Veränderung im Land, fürchteten sich vor jedem frei geäußerten Gedanken, bauten den Überwachungsapperat weiter und weiter aus. Das machte mir Angst vor der Zukunft und ließ die Hoffnung in mir sterben, es könne irgendwann eine freiheitliche Ordnung entstehen.

Inzwischen lernte ich eine Frau kennen und lieben, wir heirateten 1984 und entschlossen uns alsbald, die DDR auf legalem verlassen zu wollen, d. h. wir stellten im Herbst des gleichen Jahres einen Antrag auf die legale Ausreise. Was jetzt kam, waren weniger Repressalien, als andere Ausreisewillige berichten mußten, sieht man von einem abgelehnten Schweißerlehrgang („Wir qualifizieren Sie nicht für den Klassenfeind!“)und einer nicht genehmigten Ungarnreise („Entweder Sie nehmen den Antrag auf Ausreise nach Westberlin zurück, oder Sie fahren nicht in die Ungarische Volksrepublik!“) ab. Was kam, war eine endlose, zermürbende Zeit des Wartens.

Wir bewohnten in meinem Elternhaus zwei kleine Zimmer, von denen nur eines beheizbar war. Bad, Küche und Esszimmer wurden gemeinsam genutzt, keine besonders guten Voraussetzungen für eine junge Familie. Ein Jahr später erblickte unser Sohn das Licht der Welt. Die familiäre Situation verschärfte sich, als am Gründonnerstag 1987 der Einberufungsbefehl auf den Küchentisch flatterte. Da ich den Dienst mit der Waffe abgelehnt und als Bausoldat meine Wehrzeit ableisten wollte, erfuhr ich am eigenen Leib die „Gnade der späten Einberufung“, mittlerweile zählte ich fünfundzwanzig Jahre. Das war die Rache des Staates, da ich mich erdreistete, der normalen Wehrdienst zu verweigern, obwohl es das Gesetz dafür bereits seit 1966 gab. Aber die Arbeitskraft, die wollte man schon noch abschöpfen. Kaserniert war meine Einheit in Merseburg, zu arbeiten hatten wir im VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“.

Die Zeit zwischen Antrag und der Einberufung zehrte und zerrte an den Nerven. Eine eigene Wohnung war bei der Wohnungsnot in der DDR nicht denkbar, für Antragsteller noch viel weniger. Und würde es sich für uns überhaupt lohnen? Immer wieder erfuhr man über Freunde und Bekannte von Ausreisegenehmigungen.