Sogar an ihren Namen erinnert er sich: Brenda.
Maria war damals mit den Kindern zu ihren Eltern gefahren. Und wo sonst das Leben um ihn herum quirlte, war jetzt alles trist und leer. Er vergammelte die Stunden und saß abends allein und frustriert am Tisch.
Endlich fasste er einen Entschluss. Eigentlich wollte er das schon lange einmal. Er holte den Mantel und ging los ... ins Bordell.
Die aushängenden Preise schienen ihm von einer anderen Welt. Davon wollte er sich jedoch nicht abschrecken lassen. Auf sein Klingeln hin wurde geöffnet, eine freundliche Frauenstimme ließ ihn ein. Das Licht war gedämpft. Müller schaute sich um. Am Tresen und in den Nischen saßen einige Frauen und wenige Männer. Die Wände waren mit dunkelrotem Samt bezogen. Mit einem schüchternen Lächeln trat er weiter in den Raum. Die Blicke der Anwesenden machten ihn unsicher. Auf einem der Barhocker nahm er Platz. Leise Musik spielte. Der Frau hinter der Theke sagte Müller: „Ich bin heute das erste Mal hier“, dabei gab er den Worten einen entschuldigenden Klang.
Die Frau lächelte. „Das sehe ich. Was möchtest du trinken?“
Müller bestellte ein Bier und war von dem „Du“ ziemlich überrascht. Im Laufe der Zeit merkte er, dass alle die Frau duzten und sie wohl, er grinste heimlich, die Puffmutter sein musste. Sie war um die fünfzig Jahre alt und sah müde und verbraucht aus.
Als die Frau das Bier hinstellte, streckte Müller die Hand hinüber und sagte: „Hallo Fritzi, ich bin Thomas.“
Sie lachte, drückte sie ihm und sagte einfach: „Willkommen.“
Das tat ihm gut, und seine Befangenheit begann sich zu lösen. Müller wechselte mit dem Nachbarn einige Sätze, trank das Bier aus, bestellte ein zweites und fühlte sich zunehmend besser. Ein dunkles Mädchen setzte sich plötzlich neben ihn und stellte sich mit Dorothy vor.
Natürlich hatte er erwartet, dass eine Frau kommen würde. Wie er sich verhalten sollte, hatte er überlegt. Zu einem Ergebnis war er nicht gekommen. Mit ihr entwickelte sich bald ein unverkrampftes Gespräch; sie streichelte seine Hand. Sie war eine große, ebenmäßig gewachsene junge Frau mit netten Zügen. Sie war reizend gekleidet, aber nicht nuttig aufgemacht. Natürlich wusste Müller, dass sie sich weniger für ihn, sondern mehr für sein Geld interessierte. Trotzdem vermittelte diese Frau das Gefühl, von ihm als Person angetan zu sein. „Dies ist wohl die große Kunst in diesem Beruf“, dachte er und genoss ihre Zärtlichkeit.
Er wollte Dorothy einen Sekt bestellen. An Stelle von Fritzi stand jetzt eine junge Frau hinter dem Tresen. Ihr Anblick jagte Erdbeben durch seinen Körper. Sie war klein, sehr schlank und hübsch. Schwarz ihr Haar, gebräunt ihr Teint. Die Augen kohlrabenschwarz. Es waren diese Augen, die Müller so erschütterten. Er starrte in Abgründe und hörte sich sagen: „Einen kleinen Piccolo und noch ein Bier bitte.“
Dorothy sprach weiter zu ihm, aber Thomas Müller konnte den Blick von dem anderen Mädchen nicht lassen. Dorothy bemerkte es. „Du kannst mit Brenda gehen, das ist nicht schlimm. Soll ich sie herrufen?“
„Nein, nein.“ Verwirrt nahm er ihre Hände. „Nein, Dorothy, du bist ein schönes Mädchen, du gefällst mir.“ Sein Blick jedoch suchte immer wieder die Augen von Brenda, und wenn sie aufeinander trafen, schossen ihm Schauer über den Rücken. Es war, als sähe Roberta ihn an.
Dorothy fragte: „Wollen wir in mein Zimmer gehen?“

